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Schimmelpilz im Innenraum

Schimmelpilze - der ewige Kampf gegen das Wasser

Ich komme in meiner Berufspraxis sehr viel mit Schimmelbefall in Wohnräumen in Berührung, sei es nun als Maler oder als Sachverständiger – in beiden Bereichen gilt es zuerst die Ursachen zu erkennen, bevor man sich zu vorschnellen Urteilen hinreissen lässt. Ich habe es schon oft selbst erlebt, dass ich zum Ortstermin kam und mir aufgrund von blumigen Schilderungen am Telefon ein fertiges Bild der Lage gemacht hatte, um dann vor Ort aufgrund von Messungen festzustellen: falsches Bild. Glaube nur das, was du selbst mit eigenen Augen gesehen und gemessen hast – gerade als Sachverständiger ist es wichtig, sich dies immer wieder vor Augen zu halten und ergebnisoffen und ohne vorgefertigtes Bild zu einem Termin zu gehen.

Was ich auch ganz ungern höre, ist wenn von „Schuld“ gesprochen wird. Gerade im Bereich Schimmel in Wohnräumen wird immer wieder von „Schuld“ und „Verschulden“ gesprochen – ich versuche, diese Begriffe zu vermeiden. Ich bin eher ein Vertreter von nachprüfbaren, technisch-wissenschaftlich fundierten Aussagen, die sich logisch erklären lassen und nichts geheimnisvolles an sich haben – den Begriff „Schuld“ würde ich da dem Klerus überlassen, und den Begriff „Verschulden“ verwenden eher Juristen im Zusammenhang mit Gerichtsaufträgen. Ich für meinen Teil lege mein Augenmerk darauf, was oder wer für die Entstehung von Schimmelpilz verantwortlich ist, in wessen Verantwortungsbereich liegt es, dass es zu einem Problem gekommen ist und mit welchen Stellschrauben sich eine Neubildung vermeiden lässt.

Häufig werde ich im Laufe der Winterperioden von Vermietern oder Hausverwaltungen angefordert, weil es in ihren Mietwohnungen zu einem Schimmelbefall gekommen ist. Aber auch von Eigentümern, die ein Problem in ihrer selbstgenutzten Immobilie haben. Und: es gibt Schimmelbefall zu jeder Jahreszeit! Nur sind die Schimmelschäden ausserhalb der Heizperiode eher von technischen Defekten verursacht, während es in der Heizperiode häufiger die Kondenswasserschäden sind, die zum Schimmelbefall führen. Es kommt lediglich auf die Menge an Feuchtigkeit an, die über eine bestimmte Zeit zur Verfügung steht und der Kreislauf des Lebens – in diesem Fall des Pilzes, wird an dieser Stelle sichtbar. Die Pilzsporen sind ausser in Reinräumen der Labore und Industrie in der Luft allgegenwärtig – es braucht also nur noch das Wasser, damit die Sporen auskeimen können. Pilze ernähren sich von jeglichem organischem Material – sie brauchen kein Licht, sie betreiben keine Photosynthese – sie zersetzen organisches Material und stellen es recycelt dem Kreislauf des Lebens wieder zur Verfügung. Dies mag im Wald und auf dem Komposthaufen erfreulich sein – seine eigenen vier Wände möchte man eigentlich nicht recycelt bekommen – schon gar nicht, solange man noch drin wohnt.

Zu den Ursachen muss ich mich hier nicht großartig auslassen – das haben schon viele andere schlaue Menschen vor mir getan. Zum Beispiel Dr. Christoph Trautmann:

Verschimmelte Baddecke eines innenliegenden Bades, keine Fenster, völlig verstopftes Filtervlies des Abluftventilators, das Gitter vor dem Lüfter war mit Silikon festgeklebt…

Auf diesen Kosten blieben die Vermieter sitzen: Das Amt zahlte die Miete, jedoch nicht die Kosten für die erheblich ruinierte Wohnung. Vertragspartner des Vermieters waren schließlich die recht mittellosen Mieter, nicht das Amt.

Ursachen

  • Feuchtigkeit: Feuchtigkeit wird für Myzelwachstum und Sporenbildung benötigt. Die meisten Hausschimmelpilze haben ihr Wachstumsoptimum bei 90% relativer Feuchte. Einige anpassungsfähige Arten können jedoch auch bei einer relativen Feuchte um 70% keimen, wachsen und Sporen bilden.
  • pH-Wert: Die Schimmelpilze bevorzugen ein leicht saures Milieu mit pH-Werten zwischen 4,5 und 6,5. Einige Arten wachsen noch bei pH um 2 oder pH um 8.
  • Temperatur: Hausschimmelpilze können sich an Temperaturen von 0° bis 45° anpassen. Die Optimaltemperatur liegt bei 20 bis 30° C.
  • Nährstoff: Die Nährstoffansprüche der Schimmelpilze sind so minimal, daß dem Hausschimmel schon der unvermeidliche Staub in den Wohnräumen für die Ernährung ausreicht.
  • Sauerstoff: Die Hausschimmelpilze stellen geringere Ansprüche an den Sauerstoffgehalt der Atmosphäre als der Mensch.
  • Licht: Für das Wachstum der Hausschimmelpilze ist Licht nicht erforderlich.
Dr. Christoph Trautmann, Umweltmykologie GbR, VBN Sonderheft "Topthema Schimmelpilz", Verband der Bausachverständigen Norddeutschlands e.V. 2001

Alles, was für das Wachstum von Schimmelpilz erforderlich ist: Wasser. Der ewige und immerwährende Kampf gegen das Wasser, den wir im Handwerk führen – egal ob bei Planung, Ausführung oder Instandhaltung: die eiserne Regel heisst: Wasser weg vom Bau. Und das betrifft nun eben auch die Nutzung eines Wohnraums: Auch hier ist es essentiell, die Oberflächen und die Substanz vor längeranhaltender Feuchtigkeit zu schützen. Es ist völlig egal, wie man zu trockenen Oberflächen kommt – es hängt ganz allein von der Menge und Zeit ab, die Flächen feucht sind, um Schimmelwachstum zu erzeugen.
Also schauen wir mal, wo denn das Wasser herkommt. Rückblickend auf die vielen Ortstermine und Schäden, die ich in den letzten Jahren besichtigt habe, kann ich zusammenfassen: In den allermeisten Fällen wurde der Schimmelbefall durch Kondenswasser verursacht.

Ein kleiner, hässlicher Fleck in der Ecke: Kondenswasser entsteht immer zuerst an den kältesten Punkten des Raumes. Das Auskeimen von Schimmelpilz ist die direkte Folge. Folgt der Pilzbefall der Temperaturverteilung der Flächen, kann mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass das Wasser an der Oberfläche entsteht und nicht von der Rückseite durch eventuelle Schäden dort hingeleitet wird.

Die Zimmerecke aufgenommen mit der Wärmebildkamera: 7,2° Celsius sind kritisch: bei dieser Oberflächentemperatur kommt es bei 20 Grad Raumtemperatur schon ab 45% relativer Luftfeuchte zu Kondenwasser. Je nach Witterung messe ich in der Heizperiode in Wohnungen ohne Lüftungsanlage durchschnittlich 50 bis 70% relative Luftfeuchte. Der Schimmelbefall wird sich ohne weitere Maßnahmen nicht vermeiden lassen.

Andere Wohnung, gleiches Problem: Auch hier Schimmelbefall durch Kondenswasser am kältesten Bereich des Raumes. Überschreitet die Luftfeuchtigkeit den Taupunkt, dann wirds zwangsläufig nass. Die Luftfeuchtigkeit muss gesenkt werden oder die Oberflächentemperatur erhöht.

Eigentlich könnte man am Wasser an den Fensterscheiben erkennen, dass es Zeit wäre zu Lüften. Doch Großmutters Erbstück in der Ecke macht das Öffnen des Fensters unmöglich: Der Fensterflügel lässt sich höchstens noch kippen. So wird das nichts mit dem Senken der Luftfeuchtigkeit…

Man kann allein aus dem Schadensbild schon sehr viel herauslesen: Kondenswasser entsteht auf der Oberfläche – hier habe ich als Schadensbild zumeist Schimmelbefall auf der Oberfläche und in Hohllagen von Tapeten. Bei einem Schadensfall durch Kondenswasser ist die Menge an freiem Wasser in der Regel so gering, dass sich keine nassen Flecken bilden oder die Tapete Falten schlägt. Habe ich Schimmelbefall, der sich so überhaupt nicht für die Oberflächentemperaturen interessiert, ist ein Schaden der Haustechnik oder der Gebäudehülle oder Abdichtung naheliegender. Insbesondere in Verbindung mit nassen Flecken, Verfärbungen, Salzausblühungen oder Putzablösungen sollte man der Sache auf den Grund gehen. 

Dringt Wasser von Aussen ein und läuft nicht durch Hohlkammermauerwerk in wenigen Sekunden schon innen wieder aus der Wand, sondern durchfeuchtet größere Bereiche und auf längere Zeitdauer, dann werden Mauerwerkssalze gelöst und Richtung Innenwand mitgenommen. Beginnt nun auf den Innenflächen die Verdunstung des Wassers kurz unter der Oberfläche des Putzes, so fallen die Salze in den Poren des Verdunstungsbereichs aus und sprengen durch Volumenvergrößerung die Putzoberfläche auf. Es entstehen Abplatzungen und blütenweisse Salzkristalle werden sichtbar, bei der Geschmacksprobe eindeutig salzig und im Gegensatz zu Pilzsporen beim Einatmen gesundheitlich unbedenklich.

Schäden durch eindringendes Wasser, egal ob durch defekte Haustechnik, Rohre, Rinnen, Dachanschlüsse oder fehlerhafte Abdichtungen zeichnen sich auch dadurch aus, dass ihnen die Temperaturverläufe im Untergrund völlig egal sind – das Wasser sucht sich schlicht den einfachsten Weg – bei Mauerwerk ist daher die Ursache des Schadens in der Regel sehr nah beim Schadensbild zu suchen – bei Fertighäusern, Holzhäusern oder sonstigen Ständerwerkkonstruktionen kann das schon schwierigier zu lokalisieren sein, da durch die eventuelle Verwendung von Folien oder anderen wasserdichten Lagen in den Zwischenschichten das Wasser an ganz anderen Stellen sichtbar wird, als es durch Leckagen frei wird. Natürlich gibt es Mischformen der Schadensbilder und Ursachen, aber für einen ersten Eindruck, in welche Richtung es geht, kann man sich erstmal ganz pauschal orientieren:

  • Schimmel: überwiegend Kondenswasser, 
  • Salz: überwiegend Wasser aus dem Untergrund.


Schäden z.B. durch aufsteigende Feuchtigkeit im Erdgeschoss eines Altbaus sind in meiner Berufspraxis heute seltener ein Thema, aber ausgestorben sind diese Schadensursachen auch noch nicht. Und natürlich kann Kondenswasser auch durch fehlerhafte oder problematische Baukonstruktionen provoziert werden. Es ist also durchaus zu unterscheiden, ob der Nutzer überhaupt die Möglichkeit hat, seine Räumlichkeiten mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten schadenfrei zu nutzen, oder ob es schlicht nicht zumutbar bis unmöglich ist, in diesen Räumen schadenfrei zu wohnen.

Nach dem Abrücken des Schuhschranks zeigte sich an der Wand zum Bad ein alarmierendes Bild. Hinter den Sockelleisten kam der nasse Putz zum Vorschein

Fugenmörtel ist keine Abdichtung. Wenn dieser auch noch gerissen ist oder fehlt und hinter den Fliesen auch keine Abdichtung vorhanden ist, sucht sich das Wasser seinen Weg…

So sollte das nicht aussehen: Unter den Fliesen der nackte Gipsputz, hinter den Fugen schon zersetzt, die Schnellputzschienen verrostet – das muss neu gemacht werden.

Professionelle Bautrocknung ist hier angesagt. Ob dieser Schaden versichert ist, hängt vom Kleingedruckten ab – manche Versicherungen decken nur Schäden ab, die durch unter Druck stehende Leitungen verursacht wurden.

Denn es gibt sie durchaus: die Räumlichkeiten, die zwar als Wohnraum vermietet werden, bei denen aber eine schimmelfreie Nutzung technisch kaum möglich ist. Und wir reden hier nicht von Gebäuden, die kurz nach dem zweiten Weltkrieg entstanden sind, sondern von Bauwerken, die noch keine 40 Jahre alt sind – bei denen also bei Planung und Bau schon etwas hinsichtlich Wärmeschutz und Wärmebrücken hingeschaut werden musste. Aber das Konstrukt einer Einzimmer-Kellerwohnung mit einem dreiflügeligen Fenster in einem Lichtschacht mit fensterlosem Badezimmer wird dann kritisch, wenn es von zwei berufstätigen Personen plus Katze bewohnt wird, die in der Wohnung zusätzlich noch ein Fliegengitter vor dem einzig gekippten Fenster montiert hatten und in ihrer Abwesenheit am liebsten alles geschlossen hielten. Dies führte zu sommerlicher Schimmelbildung durch Kondenswasser im Fußbereich. Die Luftfeuchte in der Wohnung war im Sommer so hoch, dass die Taupunkttemperatur höher lag als die Oberflächentemperatur am kältesten Punkt der Wohnung: an den aufsteigenden Wänden direkt oberhalb des Estrichs. Hier kamen zwei ungünstige Faktoren zusammen, die dann das Fass zum Überlaufen brachten. Zum einen, dass es in dieser Wohnung schlicht nicht möglich ist, einen Luftwechsel durch Querlüftung zu ermöglichen. Zum anderen, dass durch Anbringung eines Fliegengitters ein vernünftiger Luftaustausch massiv behindert wird (Fliegengitter reduzieren die Luftwechselrate erheblich!). Der Alltag mit seinem Lebensrhythmus macht den Rest: nach dem Duschen am Morgen ist keine Zeit mehr vorhanden, um die Feuchtigkeit aus der Wohnung zu bekommen. Die Folge war ein Aufschaukeln der Luftfeuchte in der Wohnung mit erheblichen Kondenswasser und Schimmel an den kältesten Punkten im Sommer: an den Wänden direkt oberhalb des Estrichs.

Abhilfe konnte geschaffen werden durch den Einbau von Fensterfalzlüftern und den Austausch des Badlüfters gegen einen Lüfter mit Grundlast: der Lüfter läuft ständig mit niedriger Drehzahl und auf Anforderung mit Volllast.

Die Wirkung dieser Maßnahme lässt sich sehr schön auf dem Datenloggerdiagramm sehen: ab dem 4. Oktober war der neue Lüfter in Betrieb: sofort entfernte sich die grüne Taupunktkurve von der blauen Oberflächentemperatur.

Blick in die Einzimmerwohnung

Einbau der Fensterfalzlüfter für einen konstanten Luftwechsel

alter Badlüfter.

der neue Lüfter mit Grundlast.

Zusammenfassend würde ich sagen: Die Ursache für das Auftreten von Schimmelbefall ist simpel: Das ist schlicht die Verfügbarkeit von Wasser. Schwieriger ist es manchmal, die Ursache für das Vorhandensein des Wassers zu finden…