In der Anfangszeit waren die werblichen Aussagen noch sehr vollmundig. Heute ist man diesbezüglich vorsichtiger - die Prospekthaftung droht...
Abbildung zum Artikel links aus dem Technik-Forum Okt 99,
Firma Caparol
auch ein Lotuseffekt ermöglicht noch keine weissen Sockelflächen.

Lotuseffekt an der Fassade - Dichtung oder Wahrheit?

Schon ganze 15 Jahre ist es her, dass die Firma ISPO mit ihrem Produkt Lotusan die Branche aufschreckte und anfangs für heftige Grabenkriege sorgte. Es folgte eine regelrechte Lagerbildung, doch seit jeder Hersteller irgendwelche Farben mit dem gepriesenen Lotus-Effekt vorweisen konnte, ist es ruhig geworden. Was war los?

In der Anfangszeit war zu beobachten, dass Firmen, die noch keine Farbe mit Lotus-Effekt vorweisen konnten, in Untersuchungen die Unwirksamkeit nachgewiesen haben. So ist auch der folgende Beitrag aus dem "Technik-Forum Okt.99" mit dem nötigen Abstand zu sehen, denn besagte Infoschrift stammt aus dem Hause Caparol und damit von einem Konkurrenten der Firma Ispo. Nichtsdestotrotz erscheint er mir lesenswert genug, um ihn hier zu zitieren:

"Keine Lotus-Wirkung an der Fassade.
Zwischen "Schlammbadtests" und der Praxis bestehen gewaltige Unterschiede

Im Vergleich mit dem Lotusblatt wurde die Vorstellung "Einmal den Wasserschlauch in die Hand nehmen, und schon ist die Fassade wieder sauber" als Werbeaussage über die Medien in die Öffentlichkeit getragen. Diese Wirkung des Lotusblattes geht auf die Oberflächenbeschaffenheit der Pflanze zurück. Sie besteht aus feinen Erhebungen aus Wachs, die auch auf den Blättern verschiedener anderer Pflanzen zu beobachten sind. Diese Erhebungen bewirken, daß Wasser von diesen Pflanzen, auch wenn sie länger naß stehen bleiben, nahezu kugelförmig abrollt.
Die Idee, die Professor Wilhelm Barthlott zum Patent angemeldet hat, lautet, daß man solche Strukturen künstlich herstellen kann, daß Schmutz mit dem Wasser von der Oberfläche abrollt und diese dadurch sauben bleiben. Auf lebenden, natürlich Oberflächen - wie dem Lotusblatt - bilden die Zellen Stück für Stück Wachskristalle, die sich ständig erneuern. Die Oberfläche von Beschichtungen, zum Beispiel von Siliconharzfarben, kann sich natürlich nicht aus sich selbst heraus regenerieren. Ihre Oberfläche entsteht dadurch, daß beim Verdunsten des Wassers, je nachdem welche Partikel und Bindemittel verwendet wurden, mehr oder minder rauhe Oberflächen entstehen. Diese haben jedoch mit der Struktur des Lotusblattes so viel zu tun wie ein Kiesel mit einem Edelstein.
Von der Nichtexistenz einer Lotusblatt-Wirkung bei Siliconharzfarben, also auch bei Lotusan, kann sich jeder Interessierte überzeugen, indem er eine mit diesem Produkt beschichtete Platte in ein Schlammbad hineinsteckt (sogenannter Schlammbadtest) und nicht sofort (wie im Fernseh-Werbespot von ispo) herauszieht, sondern einige Minuten darin stehen läßt. Dann werden Siliconharzfarben - und damit auch Lotusan - vom Schlamm voll benetzt. Dieser Schlamm läßt sich nach dem Antrocknen auch nicht mehr restlos abwaschen.
Was bleibt, ist die Einordnung von ispo-Lotusan in die Kategorie hochpigmentierter und gut abgebundener Siliconharzfarben mit einer stark ausgeprägten Hydrophobie, das heißt wasserabstoßender Oberfläche. [...] Erste Untersuchungen an neutralen Instituten mit Amphisilan und ispo-Lotusan zeigen, daß beide Fassadenbeschichtungen zwar wenig, aber doch verschmutzen und die von ispo werblich dargestellte Lotusblatt-Wirkung sich in der Praxis nicht einstellt"

Rückblickend interessant vielleicht noch der Aspekt, dass die Firma Caparol mittlerweile kaum noch öffentlich gegen den Lotus-Effekt zum Streichen wettert - spätestens seit sie selbst ein Produkt mit Lotus-Effekt anbietet, wäre es doch unschicklich, sich das Geschäft zu verderben.

Und so ist es schwer, Aussagen zu finden, die nicht von Firmeninteressen gefärbt sind. Doch es gibt sie, sogar mit Unterstützung eines Farbherstellers, obwohl das Ergebnis der Untersuchung nicht zu ihrem unbedingten Vorteil ausfällt: Die Firma STO ermöglichte einer Schulklasse des Mörike-Gymnasiums Esslingen praktische Tests, die ab 2003 jahrelang auf der Seite der Schule zu finden waren. Erwähnenswert hierbei: Die Firma ispo, Hersteller von Lotusan und Initiator der erfolgreichen Werbekampagne, wurde damals von der Firma STO übernommen. Respekt dafür, daß man trotz wirtschaftlicher Interessen derartige schulische Projekte unterstützt und mit den Ergebnissen hinterher auch leben kann, und sie nicht in irgendwelchen Schubladen verstauben, weil sie nicht den eigenen Erwartungen gerecht wurden.

Also was ist jetzt dran, an dem Lotus-Effekt?

2014, ganze 15 Jahre nach Einführung, hat sich die Branche beruhigt, die Lotusan ist noch immer erfolgreich am Markt, die Firma STO hat Lizenzen unter anderem an die Firma Südwest vergeben, die nun ebenfalls die Original "Lotusan" herstellt, aber auch alle anderen, großen Farbherstellen haben ihre Farbe mit dem "Lotus Effekt" im Programm. Der große Werberummel kam beim Endkunden gut an: griffige Bezeichnung, gute Werbekampagne, so läuft das eben. Technisch ist nichts gegen die Farbe als solche zu sagen: Die Lotusan ist eine hochwertige Silikonharzfarbe. Und viele Kunden sind gern bereit, für ein namhaftes Produkt tiefer in die Tasche zu greifen, als für ein gleichwertiges Produkt in neutraler Verpackung. Das ist wohl die Kunst des Verkaufens unter Ausnutzung der menschlichen Psycholgie... Es wird ein Gefühl verkauft - kein Produkt. Nur sollte man sich keinen übersteigerten Erwartungen hingeben, was die schmutzabweisenden Eigenschaften angeht. Ein Sockel bleibt ein Sockel und gehört nun einmal im Spritzwasserbereich wirklich nicht mit weisser Fassadenfarbe gestrichen, auch wenn sie Lotusan heisst und laut Werbung schmutzabweisend ist. Die Ernüchterung folgt sonst recht bald auf dem Fuße: Rechts ein Bild einer Garagennebenseite, die anderthalb Jahre vor Aufnahme des Fotos mit Lotusan gestrichen wurde, und bei der der Auftraggeber sogar wegen der hohen Werbeversprechungen direkt von der Firma Ispo seinerzeit eine schriftliche Garantie für die schmutzabweisende Wirkung für die Dauer von fünf Jahren forderte und erhielt. Weder mit Wasserschlauch noch mit Wurzelbürste lässt sich der verschmutzte Sockelbereich gründlich reinigen - was aus der schriftlichen Garantie geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis - große Erwartungen würde ich mir allerdings nicht machen.

Ein Spezialist aus der Natursteinbranche erläuterte mir, dass die Problematik in der Mikrostruktur zu suchen ist. Schmutzpartikel ab einer gewissen Größe lassen sich völlig problemlos abwaschen - doch setzen sich kleinste Schmutzteilchen in die Mikrostruktur der Farboberfläche, so gibt es kaum noch Chancen, diese zu entfernen.

Der zweite Punkt, der zu Problemen führt, ist die Fettempfindlichkeit. Eine mit Lotusan beschichtete Fläche lässt die Wassertropfen wunderschön auf der Oberfläche tanzen - aber sobald ein schlichter Fingerabdruck auf die beschichteten Fläche gesetzt wird, ist der Lotus-Effekt verschwunden. Dies ist der Grund, warum in den Live-Präsentationen mit Schlammbadtauchen die Akteure weiße Handschuhe tragen: ihre Fingerabdrücke würden für ein unerwünschtes Ergebnis sorgen...  

überarbeitet 05/2014